Interview mit Dr. Christian Maschke
Lärm, eine unterschätzte Gefahr?
Lärm schädigt nicht nur das Hörsystem, sondern führt auch zu Herz-Kreislauferkrankungen. Im Interview berichtet der renommierte Berliner Lärmforscher Dr. Christian Maschke über lärmbedingte Gesundheitsgefahren.
Verfasst von "TU intern" (TU Berlin)

Christian Maschke gilt als einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Lärmforschung. Er leitet das Berliner Forschungs- und Beratungsbüro Maschke und ist Sprecher des Interdisziplinären Forschungsverbunds Lärm und Gesundheit am Berliner Zentrum Public Health der Technischen Universität Berlin. (Foto: privat) |
Herr Maschke, was ist Lärm?
Dr. Maschke: Lärm ist Schall, der unerwünscht ist, oder der zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt.
Es gibt zwar Grenzwerte, die Hörschäden und andere Gesundheitsbeeinträchtigungen vorbeugen sollen; aber bei letzteren hängt die Beeinträchtigung der jeweiligen Person stark von deren subjektiver Bewertung ab. Ein Schutz jedes Einzelnen durch Grenzwerte ist daher nicht möglich. Wenn man zum Beispiel nach Hause kommt und sich laut seine Lieblingsmusik anhört, kann das durchaus eine positive Wirkung haben. Der Nachbar, der vielleicht gerade geistig arbeiten will, wird jedoch genau dieses Geräusch als Lärm empfinden und sich belästigt fühlen. Eine andauernde Belästigung des Nachbarn stellt dann eine Gesundheitsgefährdung dar.
Durch welche Geräusche fühlen die Menschen sich am meisten beeinträchtigt?
Dr. Maschke: Jährlich durchgeführte Befragungen zeigen, dass dies der Straßenverkehrslärm ist.
In den neuen Bundesländern geben bis zu 66% der Personen an, durch den Verkehrslärm beeinträchtigt oder stark beeinträchtigt zu sein. In den westlichen Bundesländern liegt die Zahl noch etwas darüber, bei 79%.
Die Online-Befragung des Umweltbundesamtes (2002) hat ergeben, dass nur ein kleiner Teil der Teilnehmer ohne Lärmbelästigung durch Straßenverkehrslärm lebt. 14% der Teilnehmer fühlen sich nicht belästigt; wesentlich belästigt werden dagegen durch den Straßenverkehrslärm 64% der Teilnehmer, hochgradig belästigt 43%.
Inwieweit wirkt sich dieser Lärm auf die Gesundheit aus?
Dr. Maschke: Wir wissen heute, dass insbesondere das Herz-Kreislaufsystem und das respiratorische - also das die Atemwege betreffende - System gefährdet sind. Aber es mehren sich die Hinweise, dass auch das Immunsystem beeinflusst wird, d. h. dass durch die dauernde Belärmung die Abwehrmechanismen des Körpers geschwächt werden. Diese Ergebnisse sind allerdings noch in der wissenschaftlichen Diskussion, sie sind aber nicht auszuschließen.
2.700 Lärmtote soll es pro Jahr in Deutschland geben. Wie kommt diese Zahl zustande?
Dr. Maschke: Diese Zahl bezieht sich auf Ergebnisse epidemiologischer Untersuchungen. Dort wurden Herzkrankheiten in Abhängigkeit vom Verkehrslärmpegel untersucht. Man hat beispielsweise festgestellt, dass bei Lärm von 65 Dezibel an der Wohnadresse das Risiko, an Herzinfarkt zu erkranken, um 20 Prozent höher ist als in einer Kontrollgruppe, die mit 50 bis 55 Dezibel belastet war. Aus diesem erhöhten Risiko kann man eine Anzahl an lärmbedingten Todesfällen berechnen. Diese Zahl sagt allerdings wenig darüber aus, wie viele Lebensjahre die Betroffenen durch den Lärm verloren haben. Eine verlässliche Angabe darüber ist zur Zeit noch nicht möglich.
Wie kann man verstehen, dass Lärm Herz und Kreislauf belastet?
Dr. Maschke: Durch den Lärm findet eine Aktivierung statt. Diese kann die Erholung stören, die im normalen Zyklus von Anspannung und Entspannung für die Gesundheit notwendig ist. Damit verbunden kann es auch zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen kommen, unter anderem von Adrenalin und Kortisol. Eine kurzfristig erhöhte Stresshormon-Ausschüttung ist in bestimmten Situationen durchaus sinnvoll. Kommt es aber zu einer langfristig erhöhten Kortisolproduktion, sind damit auch negative Effekte verbunden. Ein Beispiel ist die vermehrte Einlagerung an Fett. Das wiederum ist ein Risikofaktor für Bluthochdruck, und dieser erhöht wiederum die Gefahr für Arteriosklerose oder Herzinfarkt. So entsteht eine Reaktionskette vom Lärm bis hin zu den Herz- Kreislauferkrankungen.
Kann man sich denn auf Dauer nicht an den Lärm gewöhnen?
Dr. Maschke: Subjektiv ist das unter Umständen möglich, physiologisch nicht. Auch bei lang andauernder Lärmbelastung produziert der Körper zu viele Stresshormone.
Wie lange muss eine Lärmbelastung vorliegen, um ernsthafte Gesundheitsschäden auszulösen?
Dr. Maschke: Dies hängt stark von der individuellen Konstitution ab. Das Umweltbundesamt geht heute davon aus, dass ein Verkehrslärmpegel von 65 Dezibel oder höher am Tag als Grenze für eine Gesundheitsgefährdung anzusehen ist. Untersuchungen zeigen aber, dass Latenzzeiten von etwa fünf bis zehn Jahren bestehen, d.h. dass erst nach dieser Zeit mit Gesundheitsbeeinträchtigungen zu rechnen ist. Das gilt allerdings nur für den "gesunden Erwachsenen". Alte Menschen, Kinder und Risikogruppen sind gesondert zu betrachten.
Wie sind die Gesundheitsgefahren durch Lärm gegenüber anderen Umweltbelastungen einzuordnen?
Dr. Maschke: Dazu gibt es Berechnungen von Herrn Neus (Hamburger Bundesbehörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales). Danach ist das Risiko, während des gesamten Lebens aufgrund von Lärmbelastung (Verkehrslärm größer 65 Dezibel) einen Herzinfarkt zu erleiden, um das Zehnfache größer als das Lebenszeitrisiko für kanzerogene, also krebsauslösende Luftschadstoffe.
Wie laut sind 65 Dezibel?
Dr. Maschke: Das ist die Lautstärke eines ganz normalen Gesprächs - mit dem Unterschied, dass ein Gespräch nicht dauernd geführt wird und dass es keinen Lärm darstellt, sondern eine gewünschte akustische Information.
Was kann man tun, um Lärmbelastung zu reduzieren?
Dr. Maschke: Ein Problem ist, dass die technischen Maßnahmen, die ergriffen werden können, insbesondere in Ballungsgebieten durch die steigende Zahl von Fahrzeugen kompensiert oder sogar überkompensiert werden. Möglichkeiten gibt es z.B. bei der Verminderung von Rollgeräuschen durch leisere Reifenprofile und durch die Lenkung von Verkehrsströmen, damit Bereiche der Ruhe existieren können. Das größte Minderungspotenzial liegt aber bei den Fahrzeugführern selbst: Beispiele sind auf der einen Seite der Kavaliersstart und auf der anderen Seite vorausschauendes, niedertouriges Fahren. Man kann die gleichen Strecken mit einem Lärmpegelunterschied von bis zu zehn Dezibel zurücklegen. Die Rücksicht aufeinander wäre eine einfache Möglichkeit, Lärm zu vermindern.
Aktualisierter Abdruck mit freundlicher Genehmigung der "TU intern" (TU Berlin).
Informationen zum seit Ende 2002 arbeitenden Interdisziplinären Forschungsverbund Lärm und Gesundheit (IFV) können angefordert werden bei: Berliner Zentrum Public Health, IFV Lärm und Gesundheit, TEL 10-7, Ernst Reuter Platz 7, 10587 Berlin, Tel. 030/ 314-28995, E-Post: forschungsverbund [at] laerm-gesundheit [dot] de, Netz: www.laerm-gesundheit.de.