01.08.2016

Reue und Euphorie

Bernhard G. Suttner

Vorausgeschickt: Ich selber habe vor langer Zeit sozialwissenschaftliche Fächer studiert. Das hindert mich nicht, mit einiger Skepsis auf manches zu blicken, was in diesem Teil der wissenschaftlichen Landschaft geschieht. So wurden jetzt neue Ergebnisse zu einem der ganz „scharfen“ Themen der letzten Jahre präsentiert: Das viel beschriebene „bereute Muttersein“ (regretting motherhood) entwickelt sich nun zur „bereuten Elternschaft“. Nicht nur Mütter, sondern auch Väter geben bei sozialwissenschaftlicher Befragung an, rückblickend die Entscheidung für ein Kind als nicht so gut einzustufen. Vor allem die berufliche Karriere leide, wenn man Kinder hat, sagen nun auch die Väter…

Ich befürchte, dass diese Art von Wissenschaft uns allen wenig bis gar nichts hilft und womöglich Probleme herbeiforscht, die wir vorher gar nicht hatten. Ist es nicht menschlich, getroffene Entscheidungen nachträglich anders einzuschätzen als vorher? Ist so eine Einschätzung nicht auch sehr wandelbar – heute Katastrophe, morgen Entspannung, übermorgen Glück? Wie viele bereuen auf halbem Weg einer Bergwanderung den Entschluss zum Start, um dann am Ziel in Euphorie auszubrechen!  

Übrigens: Wenn 20% der Eltern angeblich den Kinderwunsch nachträglich bereuen bedeutet dies doch auch, dass 80% der Väter und Mütter trotz aller bekannten Lasten diesen Wunsch nicht bereuen! Noch besser: 95% aller Eltern lieben ihre Kinder. Da wiederum ist die Umkehrung erschreckend: 5% der Kinder in Deutschland müssen ohne Elternliebe aufwachsen. Das ist für uns alle gefährlich, sagt die Kriminologie – auch eine Sozialwissenschaft.