02.01.2017

Tugenden und ihr Gegenteil

Bernhard G. Suttner

Die in der Antike formulierten sog. „Kardinaltugenden" Mut, Gerechtigkeit, Klugheit und Beachtung des rechten Maßes sind keine direkten Aufreger. Zu oft schon in feierlichen Reden gehört, zu oft schon gesehen als allegorische Darstellungen in Gemälden und Fresken oder in Marmor gehauen, zu oft schon als verloren bejammert...

Die Brisanz dieser vier Grundhaltungen, an denen nach Ansicht der antiken Denker das richtige Leben hängt (das lateinische Wort „cardo", von dem die Kardinaltugenden ihren Namen haben, bedeutet „Türangel") wird erst deutlich, wenn man versucht, sich das jeweilige Gegenteil zu denken: Aus dem „Mut" würde dann die ängstliche Anpassung an den Trend der Zeit, um nur ja nie in Opposition zur Macht und zur Mehrheit zu geraten. Aus der „Gerechtigkeit" würde die Durchsetzung des Rechts der Stärkeren oder auch der Triumph des Betruges. Aus „Klugheit" würde Oberflächlichkeit und leichtfertige Gutgläubigkeit (oder sollte man richtiger sagen: Bösgläubigkeit?). Und aus dem „rechten Maß" würde die grenzenlose Gier nach mehr von allem.

Mein Wunsch für dieses neue Jahr lautet daher: Halten wir uns bitte an die überlieferten Tugenden, von denen in der Tat sehr viel abhängt. Und: Hüten wir uns vor deren Gegenteil.