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Zunahme an familiärer Gewalt in Zeiten der Corona-Krise

zusammengestellt von Jan Altnickel

Viele Väter und Mütter können aktuell nicht arbeiten gehen, müssen mit deutlich weniger Geld auskommen, fürchten um ihren Job, verbringen ungewohnt viel Zeit auf begrenztem Raum mit ihrer Familie. Die Möglichkeiten, sich abzulenken und in einer anderen Umgebung wieder einen klaren Kopf zu bekommen, sind sehr begrenzt. Andere Berufstätige werden im provisorischen Homeoffice immer wieder bei der Arbeit gestört.

Denn auch ihre Kinder können die Wohnung nicht ohne Weiteres verlassen. Für sie fallen viele Möglichkeiten weg, sich Gleichaltrigen oder externen Vertrauenspersonen mitzuteilen, Ablenkung zu erfahren, Anregungen für die Freizeitgestaltung zu bekommen, sich ein sicheres und wohlwollendes Umfeld zu wählen. Insbesondere psychosozial belasteten Eltern fällt es außerdem schwer, ihren Kindern einen strukturierten Tagesablauf zu bieten. Hinzu kommt eine weitere finanzielle Belastung durch den Wegfall des kostenlosen Mittagessens in Kita und Schule für rund drei Millionen Kinder und Jugendliche aus bedürftigen Familien. Da außerdem günstige Lebensmittel schneller vergriffen sind und Tafeln oder ähnliche Angebote vielerorts schließen, erhöht sich der Druck vor allem auf Familien in schwierigen Verhältnissen.

Unter den außergewöhnlichen Umständen der Corona-Krise sind Familien herausgefordert, sich neu zu erfinden. Längst nicht allen gelingt dies konfliktfrei. Die durch die Gesundheits- und Wirtschaftskrise bestehenden Belastungen werden sich in vielen Haushalten mehr oder weniger unbemerkt in Gewalthandlungen entladen. Weil aufgrund von Schließungen und Ausgangsbeschränkungen eine gesellschaftliche Selbstkontrolle nur noch eingeschränkt möglich ist, dürften bei noch mehr Gewalttätern die Hemmungen fallen. Umso wichtiger ist es daher, dass nicht nur die unmittelbar Betroffenen von eskalierenden Streitereien und familiärer Gewalt Hilfe suchen, sondern auch Nachbarn und andere Zeugen im familiären Umfeld. Sobald sie von einer sich zuspitzenden Krise etwas mitbekommen, sollten sie Beratungsmöglichkeiten nutzen und gegebenenfalls auch vor dem Notruf nicht zurückschrecken.

Damit bedrängte Menschen in ihrer Not Hilfe erhalten können, braucht es:

  •  Einen Ausbau von Hilfs- und Beratungsstellen, die per Telefon, aber auch via Chat, unkompliziert und sofort erreichbar sind. Ansätze von Familienministerin Giffey und dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, gehen in die richtige Richtung, sind aber noch verbesserungs- und ausbaufähig (1).
  • Ähnlich wie die Lehrer beim Homeschooling, müssen auch Schulsozialarbeiter und -psychologen unauffällig von Schülerinnen und Schülern zu erreichen sein. Bei Verdachtsfällen von häuslicher Gewalt muss das Jugendamt gerade in dieser Zeit schneller die Situation vor Ort überprüfen.
  • Bei den Jugendämtern müssen entsprechend auch die Kapazitäten für Krisenmanagement und Krisenbewältigung ausgebaut werden.
  • Alle nun frei verfügbaren Familienhelfer müssen sich nun telefonisch und aufsuchend um gefährdete Familie kümmern. Dafür ist eine Schutzausrüstung unabdingbar.
  • Für den Fall von Belegungsengpässen in schützenden Einrichtungen wie Frauenhäusern oder Kinderschutzzentren sollten vorsorglich Absprachen mit Betreibern von jetzt leerstehenden Pensionen und Hotels getroffen werden, um auch kurzfristig erweiterte Kapazitäten an Krisenplätzen bereitstellen zu können (die bereits eingeplanten Mittel für Ausbau und Modernisierung von Frauenhäusern i.H.v. 30 Mio. EUR pro Jahr in den nächsten vier Jahren dürften hierfür nicht ausreichen). Gleichzeitig sind Fachkräfte auf einen Dienst in provisorischen Schutzeinrichtungen vorzubereiten, die aktuell nicht in ihren eigentlichen Einrichtungen arbeiten können.

(1) Das Hilfs- und Beratungsangebot für Kinder und Erwachsene “Kein Kind allein lassen - Gemeinsam gegen Missbrauch” (https://www.kein-kind-alleine-lassen.de/) verfügt zwar über einen “Notausgang” für den Fall, dass das Kind beim Aufrufen des Hilfs-Angebots erwischt wird und ihm Konsequenzen drohen, allerdings wird die besuchte Seite damit nicht aus dem Browserverlauf gelöscht. Ohnehin gibt es Software, mit der die besuchten Internetseiten protokolliert werden können. Insofern wäre z.B. ein “In-App-Kanal” in unauffälliger Schulsoftware für Hilferufe sinnvoller.

Weiterführende Infos:

https://www.kinderschutz-zentren.org/index.php?t=page&a=v&i=52086

https://www.dksb.de/de/artikel/detail/pm-kinderarmut-in-zeiten-von-corona-hilgers-fordert-zuschlaege-fuers-mittagessen

https://familienportal.de/familienportal/meta/aktuelles/aktuelle-meldungen/kinder-und-jugendliche-vor-missbrauch-und-gewalt-schuetzen/154412

https://www.mdr.de/sachsen/corona-hilfe-haeusliche-gewalt-frauen-kinder-quarantaene-100.htm

https://www.tagesschau.de/inland/frauenhaeuser-unterstuetzung-101.htm

https://www.tagesschau.de/inland/missbrauchbeauftragter-hilfsportal-101.html

 

 

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