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Gesundheit – eine Frage des Geldes?

Dass Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten der Bevölkerung ganz wesentlich von den Lebensbedingungen abhängen, scheint vorrangig auf andere Länder zuzutreffen. Und tatsächlich liegen Länder wie der Sudan oder die Zentralafrikanische Republik bei Rankings der Gesundheitssysteme auf den letzten Plätzen (Deutschland übrigens unter den Top 10)*, aber auch aus den USA ist bekannt, dass sich dort längst nicht alle Menschen eine gute medizinische Versorgung leisten können. Am heutigen Internationalen Tag der Gesundheitsversorgung wollen wir den Blick darauf richten, wie es eigentlich um das Thema in Deutschland bestellt ist.

2019 hat das WHO-Regionalbüro Europa einen ersten Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit in der Europäischen Region veröffentlicht. Darin wurden fünf kritische Faktoren identifiziert und errechnet, wie stark jeder einzelne Faktor zur Ungleichheit beiträgt**:

  • Einkommenssicherheit und soziale Absicherung: 35 Prozent der gesundheitlichen Ungleichheit.
  • Lebensbedingungen wie Wohnen und Grünflächen: 29 Prozent.
  • Sozial- und Humankapital wie Vertrauen in andere, Bildung und das Ausmaß von Isolation: 19 Prozent.
  • Zugang und Qualität von Gesundheitsdienstleistungen: 10 Prozent.
  • Beschäftigung und Arbeitsbedingungen: 7 Prozent.

Der Sozialstatus hat also einen starken Einfluss auf die Gesundheit und resultiert in ungleich verteilten Gesundheitschancen. Der Zusammenhang ist auch hierzulande in allen Altersstufen erkennbar und zieht sich durch alle Lebensphasen.

Wer durch Armut oder andere schwierige Lebensumstände benachteiligt ist, hat in Deutschland ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko und eine um bis zu zehn Jahre geringere Lebenserwartung als Menschen aus besser gestellten Bevölkerungsschichten. Laut Robert Koch-Institut (RKI) sterben 13 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe bereits vor Vollendung des 65. Lebensjahres. In der höchsten Einkommensgruppe trifft das lediglich auf 8 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer zu.
Insbesondere sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sind stärkeren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt, wie der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) belegt.

Soziale Unterschiede in der Gesundheit sind ein zentrales Thema der Gesundheitspolitik. Das deutsche Gesundheitssystem gilt im Allgemeinen als gut, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zur medizinischen Versorgung. Dennoch zeigt das aktuelle Beispiel überfüllter Kinderkliniken sehr deutlich, dass unser Gesundheitssystem unter chronischer Überlastung leidet. Ursache ist einerseits die Arbeitsmarktsituation in der Krankenpflege, die durch erheblichen Fachkräftemangel gekennzeichnet ist (bedingt durch schlechte Arbeitsbedingungen, wie hohe körperliche und psychische Belastungen, ungünstige Arbeitszeiten und eine geringe gesellschaftliche Anerkennung von Pflegeberufen). Zum anderen leiden alle Krankenhäuser, aber besonders Kinderkliniken unter der Umstellung auf Fallpauschalen (Krankenhausleistungen werden seit 2004 nach der gestellten Diagnose, nicht nach dem tatsächlichen Personal- und Zeitaufwand vergütet). Zudem verursacht der Dualismus von gesetzlicher und privater Krankenversicherung Steuerungsprobleme und Gerechtigkeitsdefizite, eine zentrale Herausforderung für das Gesundheitssystem.***

→ Die ÖDP fordert seit langem eine Abkehr von den Fallpauschalen und die Rückkehr zum medizinischen Bedarf als Kriterium für die Entscheidung über Behandlungen.
→ Pflegeberufe müssen durch bessere Bezahlung und Aufstockung der Pflegestellen aufgewertet werden; die wöchentliche Regelarbeitszeit in der Pflege sollte auf 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich begrenzt werden.
→ Zudem setzt sich die ÖDP für eine gesetzliche Krankenversicherung als Bürgerversicherung ein, womit die Einnahmen- und Ausgabensituation wesentlich verbessert würde. Denn dann würden Versicherungsnehmer mit höheren Einkommen, wie Selbständige, Angestellte oberhalb der Bemessungsgrenze und Beamte ebenfalls in ein solidarisches System einzahlen.

*https://worldpopulationreview.com/country-rankings/best-healthcare-in-the-world

**https://www.weltgesundheitstag.de/cms/index.asp?inst=wgt-who&snr=13306&t=2021%A7%A7Gesundheitliche+Chancengleichheit

***https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/270312/baustelle-gesundheitssystem/

 

Autor/in:
Anja Kistler
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