Pressemitteilung
Als Träume zum Alptraum wurden
40 Jahre nach dem GAU im Tschernobyl: ein Rückblick auf einen Besuch vor Ort.
Tschernobyl - Foto: Gerd Pfitzemmaier
Selten ist der Zeitpunkt, an dem die Hybris der Menschen die Welt für immer verändert, so exakt zu bestimmen wie in der Nacht zum 26. April 1986. Um 1:23 Uhr vor nunmehr genau 40 Jahren geriet ein Versuch, die Sicherheit eines Kernkraftwerks wie im ukrainischen Tschernobyl zu beweisen, zur Katastrophe: Nach der absichtlichen Stromabschaltung schmolzen beim größten anzunehmenden Unfall im Block 4 die Uran-Brennstäbe in einer unkontrollierbaren Kettenreaktion und katapultierten nach der Explosion radioaktive Partikel 1.200 Meter hoch in die Atmosphäre über der damals noch existenten Sowjetunion. Der GAU im Osten Europas verseuchte unseren Kontinent.
Erst Tage später dämmerte den Menschen, dass geschehen war, was nach offiziellen Beteuerungen technologie-vernarrter Politiker (vielleicht besser: Lobbyisten) nicht möglich hätte sein dürfen. Nicht nur in sozialistischen Regimen dauerte es wohl gerade deshalb, bis die volle Wahrheit allmählich ans Licht sickerte. Den GAU im sozialistischen Bruderland gestand das Fernsehen der DDR erst drei Tage danach ein. Auch der seinerzeitige westdeutsche Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) beschwichtigte in der abendlichen „Tageschau“, eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung sei "absolut auszuschließen".
Der GAU zwang alle zum Umlernen
Welch fatale und riskante Verfälschung der Lage. Von jetzt auf gleich lernten die Menschen die Schattenseite des Tech-Wunders Kernkraft kennen: Schulkinder paukten Messwerte wie Becquerel und Sievert, Isotop-Namen wie Caesium-137 oder Jod-131. Sie lernten deren Wirkung auf die Gesundheit abzuschätzen. Ihr Spiel in der Sandkiste war plötzlich davon abhängig. Diese Zahlen und Namen bestimmten auch den Einkauf ihrer Mütter für die Mahlzeiten. Wildfleisch und Pilze aus Bayern, wo Regen die Cäsium-Ionen aus der Luft gewaschen und im Boden angereichert hatte, blieben tabu. Den Kauf von Milch bestimmten nicht mehr Mark und Pfennig, sondern die Tabellen der überall gegründeten Umwelt-Initiativen, deren Labore zum Kompass fürs gesunde Essen mutierten.
Als damals junger Journalist, der das Glück genoss eine neue Umweltzeitschrift mit aufbauen zu dürfen, waren die Tage nach dem GAU in Tschernobyl ein prägendes Lehrstück. Über Nacht warf der Chefredakteur eine schon fertige Ausgabe in den Papierkorb. Mit Enthusiasmus schrieben wir neue Texte, die zu erklären versuchten, was geschah und was auf uns alle zukommen könne. Wir sprachen mit Wissenschaftlern, interviewten Politiker, recherchierten mit Aktivisten – das knüpfte ein Netzwerk, in das ich noch heute verwoben bin und das mir kaum fünf Jahre nach der Explosion in Tschernobyl auch die Tür aufstieß, um das Sperrgebiet besuchen zu können: Bei der Recherche durch aufgelassene Dörfer und in verwaisten Hütten traf ich wenige alte Bauern. Sie weigerten sich – der Strahlengefahr zum Trotz – ihre Heimat zu verlassen. Gemeinsam mit Ärzten besuchte ich Krankenhäuser, in den sie Strahlenkranke pflegten oder sammelte mit Wissenschaftlern Boden- und Holzproben, um deren Verstrahlung zu analysieren.
Skepsis gegenüber faustischem Gebaren
Das hinterließ Spuren – und prägte meine Haltung zu jeglicher euphorischen Machbarkeitsillusion. Der Besuch in den Wäldern um Tschernobyl, in den Ruinen der Dörfer und bei den Menschen, die ihre ohnehin kargen Habseligkeiten durch den Atom-GAU im Kernkraftwerk, das ihnen eine goldene Zukunft verheißen hatte, verloren, festigte meine Haltung: Jedes faustische Gebaren, mit dem Menschen sich die Welt als machbar erträumen, trügt. Sie vergessen, dass es auch im Alptraum enden kann – und den will niemand erleben.
Gerd Pfitzenmaier
Pressesprecher der ÖDP sowie
Politischer Referent der Partei

















