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Persönlicher Kommentar

Das Hambach-Loch – oder Das Rote Meer vom Niederrhein

Prof. Dr. Herbert Einsiedler

Der Braunkohleabbau neigt sich dem Ende zu. Gut so.  Aber er hinterlässt ein großes Problem im Rheinischen Braunkohlerevier: Gigantische Abbaugruben, die ein Jahrhundertproblem darstellen. Es handelt sich um die Gruben Garzweiler, Hambach und Inden. 

Die Grube Hambach hat eine Tiefe von über 400 Metern und eine geplante Seenfläche ca. 42 Quadratkilometer. Die geplanten Dimensionen von Garzweiler betragen eine Seengröße von 23 Quadratkilometer und eine Tiefe von 210 Meter und Inden eine geplante Seefläche von 11 km und eine Tiefe von bis zu 230 Metern. Drei gigantische Löcher in der Landschaft. Hinzu kommt: Das Grubenumland liegt ca. 100 Meter über NN – somit liegen die Abbaugruben alle unter Meereshöhe.

Soweit das Problem. Jetzt die Lösung? Geplant ist, alle 3 Tagebaue zu fluten. Alleine in der Grube Hambach entsteht somit der größte Binnensee Deutschlands, fast so groß wie der Bodensee. (Der Bodensee hat 3 Anrainerstaaten.) Der Bodensee hat zwar eine deutlich größere Ausdehnung, ist dafür aber wesentlich flacher (Mittlere Tiefe 90 Meter). Der Cottbuser „Ostsee“ hat mit 17 Quadratkilometer Fläche eine durchschnittliche Tiefe von 7 Metern und eine maximale Tiefe von 30 Metern. Der Vergleich macht das gigantische Ausmaß des „Hambachsees“ deutlich.

Dieser „See“ soll durch Flutung entstehen. Es besteht weder ein natürlicher Zu- noch ein Abfluss. Die „Rheinwassertransportleitung“, deren Bau derzeit begonnen wird, soll Rheinwasser in den „Hambachsee“ pumpen – mindestens über den Zeitraum von 40, realistisch über 50 Jahre. Dieses Wasser wird dem Rhein, der unter der Trockenheit und dem Gletscherschwund leidet, entnommen; ungeklärt, nur mit einem Rechen vor großen Gegenständen geschützt. Die Entnahmestelle liegt ca. 2 km flussabwärts von der Einleitungsstelle des Chem-Parks Dormagen. Dort und aus einer dortigen Deponie gelangen Schadstoffe, u. a. PFAS, in den Rhein und werden dann 2000 Meter flussabwärts in den „Hambachsee“ gepumpt. Wo bleibt die Kläranlage? Wo bleibt die permanente Messung der Schadstoffe? Für das Zulassungsgutachten wurde die Wasserqualität bei Düsseldorf gemessen, nicht an der Entnahmestelle. Und es wurde auch nur auf 200 Substanzen geprüft. Einmal in den See gepumpt, bleiben alle Substanzen, die im Rheinwasser enthalten sind, dort. Da weder Zu- noch Abfluss besteht reichern sich die Schadstoffe über Verdunstung, Versickerung und Verpressung des Wassers an. So gelangen diese dann auch ins Grundwasser,

 - und zwar in unterschiedlichen Tiefen.

Jetzt ist schon bekannt, dass ca. das 2,5fache des für den Hambach-See“ benötigte Wasser über die Leitung in die Grube gepumpt werden muss – es wird wohl noch etwas mehr werden. Die Sommer werden in Folge des Klimawandels heißer, die Verdunstung höher. 

Folgt man der derzeitigen Planung und leitet ungeklärtes Rheinwasser ein, ist ein stark mit Schadstoffen belasteter „Hambachsee“ vorprogrammiert.

In der Kommunikation wird dies mit hübschen Bildchen von blauem Wasser mit Segelboten übertüncht. Durch die Zusammensetzung des Untergrunds wird das Wasser vermutlich nicht blau, sondern eine rötliche Farbe erhalten. Es entsteht eine Steilküste mit 60 bis 65 Metern Höhe. Die Stabilität der Grubenränder stellt ein erhebliches Risiko dar. Bei Cottbus hielt ein Teil des Ufers des „Ostsees“ nicht stand und rutschte in die Grube – obwohl das vorliegende Gutachten dies ausschloss. Bei einer mittleren Tiefe von 7 Metern höchst unangenehm. Der gleiche Vorgang beim „Hambachsee“ mit über 400 Meter Tiefe hätte dies - insbesondere während der Füllungsphase - eine Tsunami zur Folge, wenn größere Megen Erdreich in die Grube abrutschten. Der „Tsunami vom Niederrhein“ stellt somit ein realistisches Katastrophen-Szenario dar.

Was kann man tun?  Die Gruben sind jetzt mal da. Und viele Alternativen zur Flutung bestehen nicht. Es gibt jedoch Handlungsoptionen. Diese kosten Geld, schützen aber Mensch, Tier und Natur.

Zum einen besteht die Möglichkeit die Tiefe des Sees durch Wiedereinbringung des Tagebauabraums zu verringern. Zum anderen muss das eingeleitete Wasser geklärt und permanent überprüft werden. Im Falle eines Störfalls am Rhein würde kontaminiertes Wasser nach derzeitigem Stand weiter in die Grube gepumpt. Wichtig wären eine laufende Kontrolle und ein Not-Abschalt-Mechanismus. Schadstoffe, die einmal in die Hambach-Grube gepumpt wurden, bleiben dort – und zwar für sehr, sehr lange Zeit. Die Selbstreinigungskraft des Grundwassers sind durch die Abbaumaßnahmen und die künstliche Wiederherstellung der Grundwasserführungen stark verringert. Diesem Umstand muss durch erhöhte Vorsicht und Schutzmaßnahmen für das Grundwassers Rechnung getragen werden.

Dies jetzt nur die wichtigsten Argumente. Was zusätzlich erforderlich ist, ist die Kostenübernahme durch RWE nach dem Verursacherprinzip sowie eine echte Bürgerbeteiligung, bei der den Menschen „reiner Wein“ eingeschenkt wird.

Die Flutung aller drei Tagebaue ist eine Jahrhundertaufgabe. Diese wird Generationen beschäftigen. Was jetzt falsch gemacht wird, müssen unsere Kinder, Enkel und Urenkel ausbaden – im wahrsten Sinne des Wortes. Das derzeitige Vorhaben ist alles andere als „enkeltauglich“.

Aktuell scheint die Planung weder an die neue Situation des Klimawandels angepasst zu sein (Es kommt ja noch das Thema der Beeinträchtigung der Rheinschifffahrt dazu) noch wird ausreichend dem Vorsichtsprinzip Rechnung getragen.

Die Planung der Flutung der Tagebaue folgt einer „Nach-mir-die-Sintflut“-Strategie – im wahrsten Sinne des Wortes. Diese muss durch eine vorausschauende, enkeltaugliche Strategie ersetzt werden. Daher ist jetzt ein Baustopp der „Rheinwassertransportleitung“ und eine Überarbeitung der Planung dringend erforderlich.

Prof. Dr. Herbert Einsiedler

Autor/in:
Prof. Dr. Herbert Einsiedler
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