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Persönlicher Kommentar

Haben wir schon wieder etwas erschaffen, womit wir uns selbst abschaffen?

Kirsten Elisabeth Jäkel

Wenn man die aktuellen Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz verfolgt, drängt sich eine unbequeme Frage auf: Haben wir schon wieder etwas erschaffen, dessen Folgen wir selbst nicht mehr kontrollieren können? (Johann Wolfgang von Goethe, Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los“.)

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, ist längst Realität. Systeme der Künstlichen Intelligenz können Texte verfassen, Bilder erzeugen, Programme entwickeln und immer komplexere Aufgaben übernehmen. Die KI ist selbstlernend, autonom und kann sich selbst weiterentwickeln. Das ist der Knackpunkt. Die Entwicklung schreitet mit enormer Geschwindigkeit voran. Und genau darin liegt die Herausforderung: Nicht alles, was technisch möglich ist, muss deshalb auch gesellschaftlich sinnvoll oder ethisch vertretbar sein.

Das ist kein Aufruf gegen technischen Fortschritt. Im Gegenteil: Technik kann das Leben der Menschen erleichtern und uns bei vielen Aufgaben unterstützen. Auch KI kann ein nützliches Werkzeug sein. Aber der Mensch muss Werkzeug und Technik beherrschen – nicht umgekehrt.

Genau hier beginnt die eigentliche politische und gesellschaftliche Frage. Wer entscheidet darüber, welche Entwicklung wir zulassen? Algorithmen dürfen nicht an die Stelle menschlicher Verantwortung treten. Politische, ethische und gesellschaftliche Entscheidungen gehören in die Hände der Menschen. Unsere Entscheidungshoheit und unsere Autonomie dürfen wir nicht schleichend an Maschinen delegieren.

Deshalb: Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben. Das bedeutet auch, dass wir den Menschen nicht nach seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit oder nach seiner technischen Optimierbarkeit beurteilen dürfen. Ein Mensch ist mehr als seine Leistungsfähigkeit, seine Daten oder seine Funktion im Wirtschaftsleben. Menschenwürde ist nicht skalierbar und nicht programmierbar.

Gerade bei Künstlicher Intelligenz brauchen wir deshalb klare ethische Grenzen. Nicht alles, was technisch machbar ist, sollten wir auch machen. Bevor neue Technologien flächendeckend eingesetzt werden, müssen ihre Folgen für Mensch, Gesellschaft und Umwelt untersucht werden. Vorsorgeprinzip und Technikfolgenabschätzung sind keine Fortschrittsfeindlichkeit, sondern Ausdruck verantwortungsvoller Politik.

Denn es geht längst nicht mehr nur um die Frage, ob eine Maschine irgendwann intelligenter sein könnte als ein Mensch. Es geht auch darum, welche Gesellschaft wir durch den Einsatz dieser Technologien schaffen.

Was passiert mit unseren Arbeitsplätzen, wenn immer mehr menschliche Tätigkeiten automatisiert werden? Wem gehören die Daten, mit denen KI-Systeme trainiert werden? Wie verhindern wir Manipulation und Überwachung? Was geschieht mit unserer Demokratie, wenn immer mehr Entscheidungen durch undurchsichtige Algorithmen vorbereitet oder getroffen werden? Und wie verhindern wir, dass wenige große Technologiekonzerne immer mehr Macht über unser tägliches Leben erhalten?

Es muss uns klar sein, das Gemeinwohl statt blinder Verwertungslogik, Demokratie statt digitaler Autokratie, menschliche Beziehungen statt digitaler Vereinsamung und informationelle Selbstbestimmung statt totaler Überwachung die Leitsätze des Lebens bleiben müssen.

Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage unserer Zeit: Wollen wir jede Grenze verschieben, nur weil wir technisch dazu in der Lage sind?
Oder erkennen wir rechtzeitig, dass Fortschritt nicht darin besteht, den Menschen immer weiter zu optimieren, sondern darin, eine Welt zu schaffen, in der Menschen gut, frei, selbstbestimmt und in Verantwortung füreinander leben können?

Die Digitalisierung muss dem Menschen dienen – nicht der Mensch der Digitalisierung.

Deshalb brauchen wir jetzt keine Technikfeindlichkeit, sondern Verantwortung, klare Regeln und den Mut, auch einmal Nein zu sagen. Wir brauchen Entwickler, Unternehmen und Politik, die nicht nur fragen: „Was können wir machen?“, sondern vor allem: „Was sollten wir machen?“

Vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz:

Nicht alles, was wir erschaffen können, müssen wir auch erschaffen.

Und nicht alles, was eine Maschine leisten kann, sollte sie auch entscheiden dürfen.

Bleiben wir also Mensch – mit unserer Fehlbarkeit, unserer Verantwortung, unserer Empathie und unserer Fähigkeit, selbst zu entscheiden.

Kirsten Elisabeth Jäkel
1. Stellvertretende Bundesvorsitzende der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP)

Autor/in:
Kirsten Elisabeth Jäkel
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